Alt. Medienarbeit in Berlin vor 1990

VON Dr. Wolf SiegertZUM Freitag Letzte Bearbeitung: 25. April 2018 um 10 Uhr 13 Minutenzum Post-Scriptum

 

I.

Zu Beginn des Monats März wurde aus dem inneren Zirkel des CoFuBaJa- [1]-Kreises diese Einladung zugestellt, die Teilnahme erklärt und am 13. März bestätigt: "Als Journalist. Und als Zeitzeuge".

Hier diese Einladung als PDF anbei:

"wer nicht produziert, lebt reduziert!"

Zum Hintergrund: »Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland (1945-2005)«

II.

Das ist schon ein besonderer Tag, auf dieses Gelände zurückzukommen, auf dem einst das erste eigene Berliner Büro eingerichtet worden ist [2].

Und an dem immer noch Menschen beheimatet sind, mit denen einst gute Beziehungen bestanden haben, deren Qualität sich an diesem Morgen durch einen Besuch durchaus bestätigte, bevor dann der Weg über den Hof zum Ort des Geschehens angetreten wurde.

III.

Ursula von Keitz vom Filmmuseum und der Filmuniversität Babelsberg stellt zu Beginn sehr ausführlich das gesamte DFG-Forschungsprojekt vor. Sie betont das Langzeitverfahren des Projektes. Mit 6 regulären Jahren und einem vorgelagerten Pilotprojekt. Mit einem Dutzend von Mitarbeitern und dem Ziel 2020 mit drei Bänden auf den Markt zu kommen. Und einer Vielzahl von freien Autoren, die auch mit zusätzlichen Geldern haben finanziert werden können [3]

Kay Hoffmann vom Haus des Dokumentarfilms in Stuttgart schliesst direkt an und berichtet von einem DFG-Vorläuferprojekt. Sein Thema ist aber auch die jeweilige Technik für diese Arbeiten zur Verfügung stand. Von der inszenierten Technik des 35mm-Films in den 50er Jahren über den 16mm-Standard und die Beschäftigung mit der synchronen Tonaufnahmen bis hin zur Ablösung dieser Technik durch den Einsatz von Video-Technik. Das Thema hiess damals "direct cinema" / "fly on the wall" und bezog sich auf die Aufgabe, möglichst unbeobachtet drehen zu können. In den 60er Jahren grenzte sich der Dokumentarfilm mehr und mehr von "Opas Kino" ab und entwickelte sich als ein eigenes Genre. 1967 Start des Sony-Portapack-Systems um dann schon 1968 in Paris die Unruhen drehen / dokumentieren zu können. Die Szenen stammen aus der Uni in Vincennes. Dort konnte man am Abend schon sehen, was im Verlauf des Tages gedreht worden ist. Und wurden damals schon im WdR ausgespielt.

Die Bänder hatten eine Laufzeit von bis zu einer Stunde. Bild und Ton wurden zusammen aufgenommen. Und man konnte mit vorhandenem Licht arbeiten. Was noch fehlte, waren leistungsfähige Akkus. Das Überspielen bedeutete einen Qualitätsverlust. Und im Schnitt gab es grosse weitere Herausforderungen. Und dann kam es dazu, dass das Band-Material von Sony verklebte. So dass alles 1/2-Zoll Material mit 3/4-Zoll Material auf U-matic umgespielt wurde.

Mit der Digitalisierung kommt es in den 90er Jahren zu einem weiteren Umbruch. Und heute ist das Konzept des "direct cinema" endlich umsetzbar und jede(r) kann seinen Film machen.

Thomas Beutelschmidt moderiert das Thema der Video-Operative-Berlin.
"Das Magnetoscope des Amateurs" (J.L.Godard) trifft auch in Berlin auf fruchtbaren Boden. Video-Audio-Media (VAM) ist die Vielfalt vor Ort, die sich wie in einem Labor in Berlin entwickeln konnte. Es gibt ein grosses Netzwerk in diesem Westberlin der 80er Jahre. Keine festen Strukturen mehr, der Versuch, in basisdemokratischen Modellen eine neue Form zu schaffen. Dazu kommt es auch zu einer Auflösung der Genres. Es kommt zu "grossen Runden vor kleinen Bildschirmen" und deren Forderung "lasst uns das doch erst mal ausdiskutieren lassen". Das Ganze ist eine "polymorphe Medienarbeit".

Die Medien-Operative-Berlin war zunächst eher operatives Werkzeug, als ästhetisches Mittel, das hätte Begeisterung auslösen können. Rettinger kritissiert den "bebilderten Hörfunk" und geht zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

1983 wird ConFuBaJa gegründet. Die Grenzen zwischen Video und Film verschwimmen. Von Dokumentation und Spielfilm.

1987 bricht die Diskussion zwischen Agit-Prop und Kommerz voll auf. Und die ehemaligen Studenten versuchen jetzt mit ihren Erfahrungen auch wirtschaftlich überleben zu können. Das Videofest macht da einen neuen Anfang für ein neues mediales Crossover... und die DFFB macht einen weiteren Ansatz. Aber es bleibt die Frage, was Video denn mit der Film-Arbeit zu tun haben. Video, das sei News, und vielleicht noch Kunst. 1990 gab es erstmals Arbeiten aus der Videowerkstatt der DDR. Das war ein neue Ebene. [4].

Kommentar: Es ist schon sehr seltsam, als Handlungsträger sich als Gegenstand und Thema dieser Darstellung wiederzufinden. Und so vorgeführt zu werden - in der Anwesenheit all der anderen, die hier ebenfalls erwähnt werden. Das ist alles sehr korrekt. Und sehr befremdlich zu erleben, wie über unser Erleben referiert wird. Die Moderation bemüht sich um eine inhaltliche Themensetzung. Das macht Sinn, weil die meisten der Anwesenden diese Zeit selbst erlebt haben. Aber eine chronologische Beschreibung hätte auch Sinn gemacht - oder?

Und dann kommen sie alle auf die bereitgestellten Stühle [5]

- Hartmut Horst (MOB)
Der Start hatte schon auf politische Gründe. Aber das Thema war aber auch die Idee, eine andere Art von Öffentlichkeit zu schaffen für Themen, die in der klassischen Öffentlichkeit nicht vorkamen.
"Über interne Hierarchien rede ich nicht öffentlich".
Irgendwann ging Doku nicht mehr und wir machten einen ersten Film über ein türkisches Mädchen.

- Pim Richter (MOB)
Das Thema war vor allem für Leute, die keine Film-Macher-Ausbildung hatten.
Grosse Debatten, ob man nun prozess- oder produktorientiert arbeiten wolle.
Der Traum, dass aus dem Empfänger Sender werden, wird immer wieder neu aufgekocht. Dennoch werden nur die sich durchsetzen können, die sich qualifizieren und daraus einen Beruf machen.
Rolf Schieders und Matthias Behrens waren DIE Techniker, ohne die das alles nicht möglich gewesen wäre.
Und die 8mm-Szene ist zu erwähnen, und ihr Projekt die "notorischen Reflexe".
Die berliner Probleme waren die Arbeitsmigration und die Stadtsanierung.
"Damals war erzählte Geschichte etwas ganz Neues" und die "Talking Heads", die heute bemängelt werden, das wurde erst viel später zu einer Frage, die uns beschäftigt hat. Wir waren zu Beginn eher thematisch orientiert und nicht formal.

- Petra Goldmann
An der Pädagogischen Hochschule wurde ein Film-Mit-Arbeiter engagiert (Gerd Conradt). Neben dem Unterricht soll(t)e immer auch professionell gearbeitet werden.
Dann mit dem Portapak in die Potsdamer Strasse 150 ins besetzte Haus gezogen.
"Ganz, ganz wichtig... wir hatten damals nur das eine Fernsehen. Und wir haben das damals als DAS Staatsfernsehen empfunden." Die Berichterstattung damals war immer eine Glättung. Wir waren auf der Suche nach einer anderen Form von dokumentarischer Arbeit.
Es gab fast keine Arbeit von Frauen über Frauen...

- Lutz Gregor
Referiert über die sich überlagernden Geschichten. Und bezieht sich auf die anderen TeilnehmerInnen auf dem Panel. Stattdessen in dem Jugendfilmstudio in der Nauninstrasse gearbeitet. Und dabei gelernt und das Erlernte sofort weitergegeben.
1983 den ersten "all-history"-Video-Film gemacht.

- Siegfried Zielinski
Enzensberger, Kluge, Dröge, Dahlmüller, Prokop, ... mit einer Zeitmaschine durch die letzten 25 Jahre gereist. Und so ist auch die Vergangenheit auch ein Möglichkeitsraum, nicht nur die Zukunft. 1972 war das Institut für Sprache im technischen Zeitalter schon mit einem Philips 1-Zoll-Recorder ausgestattet. Und die Akai-Schnürsenkel-Geräte waren tägliches Handwerk.
Massiv diskutiert wurde damals schon die Differenz zwischen Instrument und Medium.
William S. Burroughs (Die elektronische Revolution), Brian Gaiser, Dziga Vertov und die dann danach gegründete Gruppe um Godard... waren ebenso wichtige Referenzen.
Die Vernetzung innerhalb der verschiedenen Zellen "war nicht stark" und das ist schon diplomatisch ausgedrückt... wir haben uns am ehesten in den Kneipen getroffen, als einem ganz besonderen Ort des Diskurses.
Sobald man in die Makro-Politik ging, war klar, dass man sich in der Nachbarschaft zur DDR befand. Der Text über die Arbeiter-Radio-Bewegung, zum Beispiel, flog raus auf Betreiben der Lotto-Gesellschaft.

In dem nachfolgenden Pausen-Gespräch mit Siegfried Zielinski werden an dessem Ende mehrere Video-Arbeiten/-Installationen gennannt, die hier nochmals in Form von Refernz-Links vorgestellt werden:

- Television Delivers People von Richard Serra und Carlota Fay Schoolman.

- Valie Export: TAPP und TASTKINO (TOUCH and TAP Cinema)

Nam June Paik: TV Buddha

Und hier das Gespräch:

P.S.

Siehe auch:

Workshop zur Berliner Videobewegung am 20. April in Berlin. VIDEOACTIVISM 2.0

Anmerkungen

[1Der Name der Gruppe setzt sich zusammen aus den jeweils ersten Buchstaben des Nachnamens ihrer Mitglieder:
- Gerd Conradt
- Monika Funke Stern
- Hanno Ba*the
- Hartmut Jahn

*)... diese URL wurde ausgesucht, da wir an der Vorbereitung dieses Films gemeinsam gearbeitet haben. WS.

[2Auf dem hier und heute entstandenen Foto
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sieht man die Bürofenster des ehemaligen Büros samt dem dort von innen angebrachten Wort "MEDIA", das von dem damals über zwei Fenster fixierten Wort "IRIS" "MEDIA" noch übrig geblieben ist - 20 years after...

[3... was allerdings nicht zum Gefallen der DFG war, was die Konsistenz der Darstellung der Ergebnisse betrifft.

[4Und der Tatsache geschuldet, dass "auf verschlungenen Wegen" das Video-Equipment auch in die DDR gelangt war. Woran auch der Autor dieser Zeilen seinen Anteil hatte...

[5...und sitzen alle im Dunkel vor einem dunklen Vorhang, der die hell strahlende Sonne raushält. Dann aber gab es eine "Panne" und für kurze Zeit ging hinten das Rollo hoch ... und es gab einen kurze Moment, ohne extra-Licht dieses Foto zu machen:
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